Bakterien: Welche braucht der Mensch?

Welche Bakterien braucht der Mensch

Letzte Aktualisierung: 11. August 2020

Vergiftungsgefahr am Hühnerstand: Der Jahresbericht des BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz) ergibt im Jahr 2017, dass 77 Prozent aller Masthähnchen mit dem Zoonose-Erreger Campylobacter belastet sind. 25 Prozent davon überschreiten die EU-Grenzwerte für das Jahr 2018. Bakteriell bedingte Gefahren erkennt die Behörde außerdem für Rohmilch. In untersuchten Proben gelingt der Nachweis von Listerien und Kolibakterien. Letztere besiedeln als tolerierte Schmarotzer in geringer Menge den Grimmdarm, ohne Symptome zu verursachen. Bis heute diskutiert die Wissenschaft, welche Eigenschaften den Unterschied zwischen schädliche, tolerierbaren und lebenswichtigen Bakterien ausmachen. Als Ansatzpunkt dient seit Jahrzehnten das Mikrobiom.

Mächtiges Mikrobiom: Wieso Sie nie alleine sind

Mehrere Billionen Bakterien aus über 1800 Arten leben in Ihrer Darmflora. In der Hautflora tragen Sie eine Billion und im Mund gibt es natürlicherweise mehr Bakterien als Menschen auf der Erde. Insgesamt enthält Ihr Mikrobiom etwa 39 Billionen bakterielle Individuen. Das sind mehr Bakterien als Zellen im Körper. Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist personenabhängig.

Der Kontakt mit anderen Menschen, Lebewesen, Nahrungsmitteln und der Umwelt beeinflusst Ihren Zoo aus Mikroorganismen. Obwohl böse Bakterien die Zeitungsschlagzeilen anführen, brauchen alle Lebewesen bakterielle Organismen zum Überleben. Laut Endosymbiontentheorie verdanken Mehrzeller zellkernlosen Urbakterien die eigene Entstehung. Bakterien geben und nehmen dadurch Leben. Sie werden genauso gefürchtet wie gebraucht.

Normalflora: Wenn Bakterien kommunizieren

Die Normalflora entspricht allen Mikroorganismen der inneren und äußeren Körperoberfläche. Neben nützlichen Bakterien bestehen diese residenten Keime aus Kommensalen, die Menschen bei durchschnittlicher Immunlage genauso wenig schaden wie nutzen. Einige Vertreter der Normalflora sind opportunistische Krankheitserreger, die bei Immunschwäche Überhand nehmen und dadurch Infektionen verursachen. Weil die Zusammensetzung residenter Keime vom Körperbereich abhängt, rufen Bakterien mit nützlichen Funktionen bei Verschleppung anderswo Milieustörungen und im Extremfall Krankheiten hervor.

Die bereichsspezifische Normalflora entspricht stets einer symbiotischen Gemeinschaft aus Mikroorganismen, die unter gegenseitiger Beeinflussung bereichsabhängige Gegebenheiten zur Energiegewinnung nutzen. Das bereichsspezifische Milieu hängt von ihren Stoffwechselvorgängen ab. Abfallprodukte der einen Bakterienart nutzt die nächste zum Überleben. Dieses Phänomen zeigt sich auf Ihrer Haut an lipophilen Bakterien im talghaltigen Nacken- und Stirnbereich, die dermales Fett zu freien Fettsäuren spalten und dadurch das Hautmilieu prägen.

Keimfrei: Wie Überhygiene Überreaktionen bedingt

Welche Bakterien Ihr Immunsystem an welcher Körperstelle toleriert, hängt von Faktoren wie dem Erstkontakt ab. Ihr Abwehrsystem lernt seit der Geburt. Keime im Geburtskrankenhaus legen dadurch den Grundstein individueller Normalflora. In Industrienationen steigt im Zeitalter der Überhygiene laut Studien die Anfälligkeit für entzündliche Autoimmunerkrankungen: darunter Neurodermitis und Morbus Crohn. Wie Versuche an keimfreien Mäusen belegen, reagiert das Immunsystem keimfrei aufgewachsener Nager auf harmlose Bakterien über und ruft dadurch Entzündungen hervor.

Die erwiesenermaßen schwindende Vielfalt im Mikrobiom überhygienischer Industrieländer hängt analog zu diesen Ergebnissen mit einem beobachteten Anstieg entzündlicher Krankheiten zusammen. Dass Bauernkinder durch den Kontakt mit Keimen seltener Allergien haben als Stadtkinder, gilt als gesichert. Belegen kann die Wissenschaft vor diesen Hintergründen mittlerweile die Abwehrfunktion bakterieller Haut- und Schleimhautuntermieter.

Krankheitsprävention: Wozu Sie Bakterien brauchen

Die Normalflora säuert das menschliche Körpermilieu auf unterschiedliche Werte an, wodurch schädlichen Keimen der Aufenthalt erschwert wird. Zwischen waschwahnbedingten Störungen der vaginalen Normalflora und Belastungen mit Erregern wie Chlamydien bestehen deshalb ebenso relevante Korrelationen wie zwischen gestörter Darmflora und Morbus Crohn. In der Scheidenschleimhaut leben vorwiegend Milchsäurebakterien.

In der Mundflora kommt dieselbe Sorte in Vergesellschaftung mit Arten wie Actinomyceten vor. Das Mundmilieu unterstützt neben dem Immunsystem biochemische Vorgänge zur speichelbedingten Remineralisierung und Nahrungserweichung. An der Biosynthese von Biotin beteiligen sich darmeigene Bacteroides und Prevotella desselben Stammes produzieren Vitamin B1. Milchsäurebakterien ermöglichen durch Milchsäuregärung den Energiestoffwechsel. Neben der Verdauung und Immunlage beeinflusst das Darmmikrobiom die Produktion lebenswichtiger Hormone. Gleichgewicht im persönlichen Bakterienzoo verhindert, dass Einzelstämme Überhand nehmen.

Das ausgewogene Mikrobiom erfüllt daher präventive Funktionen im Krankheitskontext. Nicht umsonst beobachtet die Wissenschaft zwischen dem Verlauf einzelner Erkrankungen und Maßnahmen wie Darmsanierung inzwischen aussagekräftige Korrelationen. Unterstützen Sie Ihren Bakterienzoo zur Krankheitsprävention per Ernährung und Lebensstil bei der Aufrechterhaltung organeigener Schutzbarrieren.